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Ein freundliches Wort vertreibt den Zorn – the train story

True Budo is a work of love. It is a work of giving life to all beings, and not killing or struggling with each other. Love is the guardian deity of everything. Nothing can exist without it. Aikido is the realization of love.

Morihei Ueshiba Osensei

Terry Dobson lebte als Uchi Deshi mehrere Jahre im Dojo von Morihei Ueshiba. Er gründete Vermont Aikido um dort Aikido im Sinne von Morihei Ueshiba zu unterrichten. M. Ueshiba sagte ihm:

„You go home and you teach your people this. I want you to explain what Aikido is to the the people of your country. We don´t want war, we want peace. I want you to be a part of this.“

Nach seinem Tod im Jahr 1992, er war nur 55 Jahre alt, erschien 1993 das Buch „It´s a lot like dancing…“ 

It´s a lot like dancing
It´s a lot like dancing

Bereits 1985 erschien von Richard Heckler das Buch „Aikido und der neue Krieger“ mit „Aikidogeschichten“.

Aikido und der neue Krieger
Aikido und der neue Krieger

Eine Geschichte, die mittlerweile sehr bekannt wurde ist die „Train-Story“, die ich hier wiedergeben möchte.

Mein Leben kam an einen Wendepunkt, als ich gerade im Zug durch die Vororte Tokios fuhr. Es war ein lauer Frühlingsnachmittag, und der Waggon war verhältnismäßig leer — ein paar Hausfrauen auf Einkaufsbummel, ihre Kinder im Schlepptau, einige wenige alte Leute, ein paar Barkeeper, die ihren freien Tag hatten und eifrig eine Rennzeitung studierten. Der wackelige alte Zug klapperte monoton die Schienen entlang, während ich abwesend auf die eintönigen Häuser und staubigen Hecken hinausblickte. Auf einem verschlafenen kleinen Bahnhof öffneten sich die Türen, und dann zerriss die lärmende Stimme eines Mannes, der aus voller Brust schrie, die schläfrige Stille des Nachmittags. Laute, unflätige, grobe Flüche füllten die Luft. Die Türen begannen sich eben wieder zu schließen, als der Mann, noch immer brüllend, in den Waggon gestolpert kam. Er war stämmig, ein betrunkener, unglaublich schmutziger japanischer Arbeiter. Seine Kleidung starrte vor eingetrocknetem Erbrochenem, sein Haar war verfilzt und voller Dreck. Seine Augen waren rot und blutunterlaufen, und er platzte fast vor Hass und Wut. Unverständliches Zeug vor sich hin schreiend, holte er zum Schlag aus auf den ersten Menschen, der ihm unter die Augen kam — eine Frau mit einem Baby im Arm. Der Schlag traf ihre Schulter nur halb, reichte jedoch aus, um sie quer durch den Waggon in den Schoß eines älteren Paares zu schleudern. Es war ein Wunder, dass dem Kind nichts zustieß. Das Paar sprang auf und hastete zum hinteren Ende des Waggons. Jetzt wollte der Arbeiter die davoneilende betagte Großmutter in den Rücken treten. »Du verdammte alte Hure«, grölte er, »ich tret dich in den Arsch!« Er verfehlte sie, und die alte Dame konnte sich in Sicherheit bringen. Außer sich vor Wut, packte der Betrunkene nun den Metallpfosten in der Mitte des Waggons und versuchte, ihn aus seiner Verankerung zu drehen. Ich konnte sehen, dass er sich geschnitten hatte, denn seine Hand blutete. Der Zug ratterte weiter; die Fahrgäste waren starr vor Angst. Ich stand auf.
Ich war damals noch jung und ziemlich gut in Form. Ich maß über 1,80 Meter, wog 2 Zentner und hatte drei Jahre lang täglich acht Stunden Aikido trainiert. Ich ging vollkommen im Aikido auf. Ich konnte gar nicht genug üben. Besonders das härtere Konditionstraining mit den hartgesottenen College-Sportlern hatte es mir angetan, bei dem es nur so Zähne auf den Boden hagelte. Ich hielt mich für einen zähen Brocken. Üblerweise hatte ich mein Können noch nie in einem echten Kampf erproben können. Uns war streng untersagt worden, Aikido-Techniken in der Öffentlichkeit anzuwenden, außer wenn es zum Schutz anderer unbedingt nötig sein sollte. Mein Lehrer, der Begründer des Aikido, lehrte uns jeden Morgen, dass Aikido gewaltlos sei. »Aikido«, wiederholte er immer wieder, »ist die Kunst der Versöhnung. Vom Aikido Gebrauch zu machen, um sich selbst zur Geltung zu bringen oder sich über andere Leute zu erheben heißt, den Zweck des Übens vollkommen zu verkennen. Unsere Aufgabe ist es, Konflikte zu lösen, statt sie zu verschärfen.« Ich lauschte natürlich seinen Worten und ging sogar ein paar Mal auf die andere Straßenseite, um herumlümmelnden Punkerscharen auszuweichen, mit denen ich in eine hübsche Schlägerei hätte verwickelt werden und meine Fähigkeiten unter Beweis stellen können. Dabei sehnte ich mich im Grunde meines Herzens nach einer Situation, in der ich mit Recht Unschuldige verteidigen und Schuldige fertigmachen konnte. Und genau diese Situation war jetzt eingetreten. Ich war überglücklich. »Meine Gebete sind erhört worden«, dachte ich im stillen, als ich mich erhob. »Dieser … dieser … Schweinekerl ist betrunken und gemein und gewalttätig. Er stellt eine Bedrohung der öffentlichen Ordnung dar und wird noch jemanden verletzen, wenn ich ihn nicht hinausbefördere. Hier werde ich wirklich gebraucht. Moralisch habe ich grünes Licht.«
Als er mich aufstehen sah, warf mir der Betrunkene trübe einen prüfenden Blick zu. »Aha!« brüllte er, »ein haariger Weichling aus dem Ausland braucht eine Lektion in japanischem Benimm!« Ich griff zur Halteschlaufe über mir, als hätte ich das Gleichgewicht verloren, und mimte Unbekümmertheit. Dann sah ich ihn mit einem scharfen, verachtungsvollen Blick an, der ihm in sein besoffenes Hirn drang wie glühende Kohle in nassen Sand. Diesen Kerl würde ich auseinandernehmen. Er war vierschrötig und bösartig, aber betrunken. Ich war kräftig gebaut und dazu noch durchtrainiert und absolut nüchtern. »Du willst ’ne Lektion, du Arschloch?« grölte er. Ich blickte ihn kühl an, ohne ein Wort zu sagen, und spitzte dann die Lippen, um ihm einen netten kleinen Tuntenkuß zuzuwerfen. Er sammelte sich zum Sturm gegen mich. Er würde gar nicht merken, was ihn eigentlich umlegte.
Einen Sekundenbruchteil, bevor er losstürmte, rief jemand: »He!« Es war ein lauter Schrei, fast ohrenbetäubend, und doch, wie ich mich erinnere, mit einem seltsam heiteren, lockeren Unterton — als hättest du mit einem Freund zusammen eifrig etwas gesucht und er wäre plötzlich fast darüber gestolpert. Ich wandte mich nach links, der Betrunkene schwang nach rechts. Wir starrten beide einen kleinen alten Mann an. Er muss über siebzig gewesen sein, dieser winzige Herr in makellosem Kimono und Hakama. Er übersah mich völlig und strahlte nur vergnügt den Arbeiter an, als hätten sie ein höchst wichtiges, angenehmes Geheimnis miteinander.

It´s a lot like dancing...
It´s a lot like dancing…

»Komm mal her«, sagte der alte Herr mit jovialem Ton und winkte den Betrunkenen zu sich. »Komm her und erzähl ein bisschen mit mir.« Auf sein Handzeichen hin folgte ihm der große Mann wie eine Marionette am Faden. Er war etwas unsicher, aber immer noch voller Wut. Er pflanzte sich vor dem kleinen alten Mann auf und reckte sich drohend über ihm. »Was zum Teufel willst du denn, du alter Scheißer?« röhrte er und übertönte damit das Klappern der Räder. Er kehrte mir jetzt den Rücken zu. Ich beobachtete seine Ellenbogen, die wie zum Zuschlagen gebeugt waren. Wenn sie sich auch nur einen Millimeter bewegten, würde ich ihn auf die Bretter schicken. Der alte Herr strahlte den Arbeiter weiterhin an. Nicht die Spur Angst oder Unmut war ihm anzusehen. »Was hast du getrunken?« fragte er harmlos mit vor Interesse funkelnden Augen.
»Ich hab‘ Sake gesoffen, mach doch deine gottverdammten Triefaugen auf«, erklärte der Arbeiter lauthals, »aber was geht dich das an?! « »Das ist ja wundervoll«, sagte der alte Mann erfreut, »ganz wundervoll! Denn, weißt du, Sake mag ich gar zu gern. Jeden Abend wärmen meine Frau (sie ist 76, musst du wissen) und ich uns ein Fläschchen Sake und nehmen es mit in den Garten hinaus, und da sitzen wir dann auf der alten Bank, die der Schüler meines Großvaters für ihn angefertigt hat. Wir schauen zu, wie die Dämmerung fällt, und sehen nach unserem Kakipflaumenbaum. Mein Urgroßvater hat diesen Baum gepflanzt, weißt du, und wir machen uns Sorgen, ob er sich wohl von den Hagelstürmen erholt, die wir letzten Winter hatten. Kakipflaumenbäume gedeihen nach Hagelstürmen nicht besonders gut, obgleich ich sagen muss, dass unserer sich besser gemacht hat als erwartet, und das trotz des schlechten Bodens. Nun, wie dem auch sei, wir nehmen unser kleines Fläschchen Sake mit hinaus und genießen den Abend bei unserem Baum. Sogar wenn es regnet!« Er sah den Arbeiter strahlend an und zwinkerte mit den Augen, glücklich darüber, sich so gut zu unterhalten.
Bei der Anstrengung, den detaillierten Ausführungen des alten Mannes zu folgen, nahm das Gesicht des Betrunkenen allmählich weichere Züge an. Langsam öffneten sich seine Fäuste. »Tja«, sagte er, als der alte Herr geendet hatte, »ich mag Sake auch …« Und er hielt nachdenklich inne.
»Ja«, bestätigte ihm der alte Mann lächelnd, »und ich bin sicher, du hast eine wunderbare Frau.«
»Nein«, entgegnete der Arbeiter und schüttelte traurig den Kopf. »Keine Frau.« Er ließ den Kopf hängen und schwankte leise im. Rhythmus des Zuges. Und dann fing der große Kerl ganz sacht zu schluchzen an. »Keine Frau«, stieß er klagend hervor, »kein Heim, keine Kleidung, kein Werkzeug, kein Geld, und jetzt auch keinen Platz zum Schlafen. Ich schäme mich so!« Tränen kullerten ihm die Wangen hinab, und reine Verzweiflung erschütterte seinen Körper. Oben über dem Gepäcknetz pries ein Plakat in Vierfarbdruck die Vorzüge des luxuriösen Vorortlebens an. Diese Ironie war schon fast zu viel. Und auf einmal schämte ich mich. Ich fühlte mich in meinen sauberen Kleidern und in meiner großspurigen demokratieverbrämten Selbstgerechtigkeit schmutziger, als der Arbeiter je sein konnte.
»0 je o je«, sagte der alte Mann nun beschwichtigend und voller Mitgefühl, aber offenbar mit ungebrochener Heiterkeit, »das ist in der Tat eine missliche Lage. Warum setzt du dich nicht hierher und erzählst mir alles?«
Gerade da hielt der Zug an meiner Station. Der Bahnsteig war gedrängt voll, und die Menschenmenge quoll in den Zug hinein, sowie sich die Türen öffneten: Ich suchte mir einen Weg nach draußen und warf dabei einen letzten Blick zurück. Der Arbeiter hing wie ein Sack auf dem Sitz, den Kopf auf dem Schoß des alten Mannes. Der alte Herr schaute gütig auf ihn herab, mit seligen Augen voller Freude und Mitleid, und eine Hand streichelte den filzigen, dreckigen Haarschopf.
Als der Zug aus dem Bahnhof fuhr, setzte ich mich auf eine Bank und versuchte, mir das Erlebnis noch einmal zu vergegenwärtigen. Ich sah, wie das, was ich mit Muskelkraft hatte bewältigen wollen, mit einem Lächeln und ein paar freundlichen Worten beigelegt worden war. Ich erkannte, dass ich endlich praktisches Aikido gesehen hatte und dass das Wesentliche dabei wirklich Versöhnlichkeit gewesen war, wie der Meister gesagt hatte. Ich kam mir dumm, brutal und roh vor. Ich wusste, dass ich Aikido mit einer vollkommen anderen Geisteshaltung üben musste. Und ich wusste, dass es sehr lange dauern würde, bis ich wirklich als Wissender über Aikido oder Konfliktlösung reden konnte.

A Mind to serve for the peace of all human beings in the world is needed for Aikido and not the mind of one who wishes to be strong or practices only to defeat an opponent.

Morihei Ueshiba Osensei

Das Beitragsbild wurde von Riki Moss aufgenommen.

Die Zitate sind dem Buch „It´s a lot like dancing…“ entnommen.