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Aikido Aikido-Philosophie

Aikido ist eine sehr bunte Welt

Aikido – Welten

Die Sicht der Aikidokas zu ihrer so geschätzten Welt ist untereinander sehr different und weitgehendste zunächst auf das unmittelbare Umfeld der eigenen Trainingspraxis ausgerichtet. Diese Sicht wird im wesentlichen auch durch die Erfahrung der Ursprungssituation und der Lehrer geprägt. Als Anfang der 60-er Jahre Aikido in Deutschland in den Judo-Dokas des deutschen Judobundes praktiziert wurde, sind auch unterschwellig die Verfahrens- und Trainingsweisen wie auch der Graduierungen des Judo zum Teil in das Aikido übertragen worden. Zudem neigen wir dazu, bekannte Muster auf andere Länder und deren Gewohnheiten zu übertragen. In Bezug auf Japan ist das äußerst fatal, denn Auffassung und Denkkategorien sind doch sehr unterschiedlich und vor allem die Budo-Traditionen werden in ihrer Vielfalt sehr ungenügend bewertet.

Unsere wesentliche Verständnis- und Verhaltensweise in Deutschland ist generell geprägt vom Sport und dem damit verbundenen Vereins- und Verbandswesen.

Diese Strukturen auf Japan zu übertragen ist geradezu eine grobe Fehleinschätzung und verhindert das tiefere Verständnis zum Budo, zum Aikido.

Meine nun 21 Japan-Aufenthalte haben mir überdeutlich gezeigt, dass in Japan doch die Uhren anders gehen. Es war deshalb ein großes Anliegen nicht nur zum Training dorthin zu reisen, sondern auch ein Begegnen mit den Menschen und seiner Historie zu erreichen. Hilfreich war sicher, dass ich im Laufe meines Aikido-Lebens japanische Schüler hatte. Die Möglichkeiten bei ihnen im Familienverband leben zu können, zu beobachten und sich auf ihre Art einzulassen war hierzu eine gute, interessante, aber auch heilsame Erfahrung.

Bezogen auf die Situation des Aikido in Japan kann folgendes ausgeführt werden. Generell gibt es zwei offizielle Verbände: den Aikikai und den Yoshinkan. Dazu kommen noch weitere fünf Gruppierungen, die sehr groß sind. Zieht man noch den Kreis etwas weiter, stellt man fest, dass es in der Budo-Szene noch weitere Organisationen gibt, die Aikido als eigenständige Division führen. Eine der bedeutendsten Budo-Organisationen ist die IMAF oder wie sie in Japan genannt wird die Kokusai Budoin – Kokusai Budo Renmei. Als Stiftung des japanischen Kaiserhauses besteht sie seit 1952 mit der besonderen Aufgabe, die traditionellen Budo-Disziplinen zu pflegen und zu betreuen. Die Kokusai Budoin wird in unseren Breiten nur wenig oder gar nicht registriert. Davon abgesehen hat Aikido in Japan eine größere Lebensbreite als hierzulande. Leider wird auch übersehen, dass 0-Sensei ebenfalls Mitglied in dieser Organisation war, wie auch Gozo Shioda oder Tomiki-Sensei, um nur einige aus dem Bereich des Aikido zu nennen. Eine große Anzahl von Lehrern aus den verschiedenen Budo-Bereichen sind in einer Doppelmitgliedschaft sowohl in ihrem Fachverband als auch in der Kokusai Budoin.

Dass diese Organisation zudem bei den Aikidoka nicht wahrgenommen wird, hängt mit dem sehr verhalten agierenden „Worid Headquarter“ dieser Organisation in Tokyo zusammen. Unabhängig davon ist diese Organisation in über 50 Ländern weltweit aktiv. Sie ist auch die einzige Organisation, die offiziell im Auftrag des Kaiserhauses die Budo-Titel des Renshi, Kyoshi, Hanshi und Meijin vergeben kann.

Wie so oft lassen sich viele Aikidoka von der dominant agierenden Organisation des Aikikai zu Fehleinschätzungen verleiten

Dazu tragen eine leider überwiegende Anzahl von Aikido-Deshi bei, die lediglich zum Training nach Japan reisen, ohne tiefer in die eigentliche Welt des Budo einzudringen. Ihre Auffassung, die sie durch diese fast isolierte und einseitige Berührung mit der Budo-Welt zurückbringen, ist natürlich nicht hilfreich, um eine reale Beurteilung zu gewährleisten.

In diesem Zusammenhang darf keineswegs vergessen werden, dass auch verschiedene japanische Aikidolehrer noch dazu beitragen, dass sie ihre Deshis entsprechend beeinflussen, um die Einmaligkeit und Ausschließlichkeit ihres Aikido durch eine überstarke Bindung an ihre Person zu gewährleisten.

Die unterschiedlichen Vermittlungsweisen der Lehre vom Aikido wird noch dadurch verstärkt, dass eine Einschätzung über ein Graduierungssystem entstand, das beim Studium der Quellen zu großer Verwunderung Anlass gibt. Natürlich sind die Senseis darauf bedacht, nur die ihrer Sicht entsprechenden qualitativen Ausführungen zuzulassen. Zieht man eine kritische Betrachtung der Prüfungsinhalte und deren Bewertung durch die einzelnen Shihans heran, so gibt es doch gravierende Unterschiede. Unterschiede, die nicht unmittelbar mit der Beherrschung der Technik zu tun haben, sondern auch mit der persönlichen Beziehung. Mitunter kann man sich dabei des Eindruckes nicht erwehren, wer die Prüfungshoheit hat, der hat die Macht im Hause und darüber kann man auch disziplinieren.

Selbst innerhalb des Aikikai sind keine echten Vergleichsmöglichkeiten feststellbar. Es ist das gleiche Spiegelbild, wie das wöchentliche Training im Honbu-Dojo. Es sind nun mal so 40 – 50 Aikido-Welten. Einen sogenannten Honbu-Stil gibt es daher nicht.

Alle beziehen sich auf den Begründer 0-Sensei Morihei Ueshiba.

Zieht man dazu noch Vergleiche von den Graduierungsmethoden von 0-Sensei zu den heutigen Gepflogenheiten, dann liegen tiefe, kaum zu verstehende Abgründe dazwischen. Auch die Beziehung zwischen 0-Sensei und seinen Schülern, die als achte Dane ihre eigenen Organisationen noch zu seinen Lebzeiten gründeten, mit sehr unterschiedlicher Ausprägung wie zum Beispiel Tomiki-Sensei, der Judo in sein System implantierte und den Wettkampf in sein System einführte. Oder Mochizuki-Sensei, der ein neues System entwickelte, in dem er dem Aikido Karate- und Iaido-Formen beifügte. Sein System nannte er Yoseikan.

Von 0-Sensei ist uns keine negative Äußerung zu diesen anderen Wegen im Aiki seiner Schüler bekannt.

Aus der Sicht von vielen Ausländern ist diese Entfaltung kaum verständlich und unter den Aikidokas mit Unbehagen registriert. Im Aikido wird sehr viel über den Aspekt des Do gesprochen, aber wird er auch richtig verstanden?

Manchmal ist es erhellend, wenn wir uns zum meditieren niederlassen würden. Es ist oft sehr hilfreich und oft viel besser als unbändiger Aktivismus.

Bei einer solchen Auseinandersetzung mit Fragen oder schwer zu verstehenden Aspekten werden die teilweise geführten Diskussionen unnötig, und es wird vermieden, Unterstellungen breit zu treten.

Die heiße, manchmal schon an Glaubenskrieg grenzende Auseinandersetzung, wie es denn mit der Graduierung rechtens sei, wird aus dem Betrachten der Gesamtsituation wirklich abartig.

Es stellt sich die Frage: Was soll das? Vor welchen Karren lassen wir uns denn spannen?

Und es ist doch schon unglaublich, was wir uns in unserer Freizeit, in unserem Hobby, alles zumuten lassen. Dan von hier, Dan von dort, Dan von jenem. Genügt es nicht zu akzeptieren, dass irgendwer graduiert wurde von einer Stelle, welche die Fachkompetenz besitzt. Warum können wir das so schwer akzeptieren. Was ist so das besondere der Stallkennzeichnung? Ausgrenzung -Abgrenzung? Besser – schlechter? Richtige oder falsche Lage? Identifikation? … -Ja, die Wertungen.

Bisher habe ich aus der „oberen Heeresleitung“ des Aikikai oder des Yoshinkai oder von anderen Organisationen niemals etwas Abwertendes hierzu gehört Es scheinen immer die „kleinen Unteroffiziere“ unnötigen Stress zu produzieren.

Eine Frage taucht hierbei auf: Was ist der wirkliche Hintergrund solchen Verhaltens? Sind es Profilierungsneurosen oder welche persönlichen Defizite verbergen sich dahinter? Auch hier sollte kritisch hinterfragt werden: Was ist der Grund der negativen Bewertung anderer?

Wir sollten uns freuen eine Disziplin zu praktizieren, die es uns ermöglichen kann, nach der Idee des Begründers in Harmonie auszukommen – ohne Kampf.

Aber ist dies vielleicht der Grund, der versteckte Kampfplatz – dann 0-Sensei war dein Bemühen umsonst. Oder wie es im geistigen Raum oft formuliert wurde: „Die Spezialität der frommen Seele sei die Bosheit“ – und es gibt doch so manche fromme Seele unter den Aikidokas.

Wer wie ich sich in verschiedenen Budo-Disziplinen bewegt und so Lehrern begegnet, die in ihrer Budo-Disziplin sehr hoch graduiert sind, ist umso mehr erstaunt, da mir eine ähnliche Situation nirgends begegnet ist. Die höfliche zuvorkommende Hilfsbereitschaft dieser Lehrer im Bemühen, die Abläufe und Feinheiten der Disziplin weiterzugeben, zu trainieren und zu verstehen, ist vor allem sehr aufbauend und von einer inneren Freude begleitet.

Weder im Kyudo noch im Iaido habe ich irgendwelche ausgrenzenden Äußerungen nach innen wie nach außen zu hören bekommen. Die Würde des einzelnen war immer ein integerer Bestandteil des gesamten Trainingsprozesses. Und andere Wege sind nun mal andere Wege, auch wenn sie nicht in das eigene Konzept passen.

Jeder Aikidoka, dem es ernst ist in die Tiefen der eigenen Disziplin vorzudringen, sollte das Buch von Werner Lind „Budo“ genau studieren und sich auf den Weg begeben und wissen, dass es Weggefährten gibt, deren Wegerfahrung verschiedene Dimensionen beinhalten und das auch akzeptieren.

Edmund Kern Fürth, im März 2000

(er ist am 22.11.2017 verstorben)

Das Titelbild stammt von der Homepage des Shin Dojo in Großheubach

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